Conny Plank Interview 12/75

Interview Conny Plank


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FB: Conny, wenn man sich eine englische oder amerikanische Platte anhört, dann stellt man meistens fest, dass diese Aufnahmen irgendwie besser, knalliger und rockiger klingen als deutsche Produktionen. Liegt das an der Aufnahmetechnik oder ggf. am Unvermögen der heimischen Tonkutscher?

CP: Ich glaube, das hat hauptsächlich doch wohl andere Gründe. Drüben dauert eine Produktion manchmal zwei oder drei Monate. Hier hätte gar niemand das Geld, so etwas anzustellen, geschweige denn das Vertrauen in einen Künstler. Bei den Amis z.B. ist außerdem ein Stab von Leuten da, wo jeder auf seinem Platz der optimale Mann ist. Es werden z.B. spezielle Studiomusiker ausgesucht, die unbedingt das bringen müssen, was man von ihnen verlangt. Schaffen sie das nicht, na dann werden eben andere Leute eingesetzt. In den Staaten wird wirklich ein Heidengeld ausgegeben, um eine Produktion an die Spitze zu treiben.

FB: Wie hat sich deines Wissens nach eigentlich dieser Hang zur Perfektion entwickelt?

CP: Hier bei uns war man immer daran interessiert, ein möglichst umfassendes Bild des Klanggeschehens aufzuzeichnen und dem Zuhörer die Vorstellung zu vermitteln, dass er mitten drin ist, als wenn gerade ein Konzert laufen würde. Demzufolge ist der Sound irgendwie distanzierter, nicht sehr direkt. Es wurden - im alten Reichsrundfunkverfahren - ein oder zwei Mikros in einem Raum günstig postiert und dienten zur Aufnahme. Die Amis sind zuerst hingegangen und haben die Polymikrophonie eingeführt. Sie hatten die Vorstellung, dass man an jedem Instrument ein Ohr haben sollte, die alle zusammen hinterher zum Gesamtergebnis gemischt werden sollten. Diese beiden Entwicklungen sind dann verschiedene Wege gegangen. Im Laufe der Zeit hat sich dann die Methode der Amis - insbesondere in der Rock- und Popmusik - als die bessere erwiesen. Die Aufnahmen klingen präsenter, härter, klarer und knalliger, wie du schon gesagt hast.

FB: Vielleicht kannst du mal ein paar grundsätzliche Bemerkungen zur Technik machen.

CP: Die Technik, der technische Background war eigentlich derselbe. Man darf sogar behaupten, dass manche deutsche Studios besser ausgerüstet waren.
Aber die Arbeitsweise, die viel wichtiger war, die war hier einfach anders. Man hat es drüben besser verstanden, die Erfahrungen aus der Sounderforschung konsequent zu vervollständigen. Ein Studio, das dort im Geschäft bleiben will, hat einfach den ganzen Katalog von verschiedensten Sounds draufzuhaben. So wurde z.B. durch die Erfindung des low noise oder Dolby-Systems der Sound weiter perfektioniert. Dann hat man z.B. noch herausgefunden, dass ein leicht vertrimmter Dolby einen ganz speziellen Effekt bringt, der die Sache sehr seidig, sehr klar und duftig macht.
Der Standard von Studio zu Studio zeigt kaum große Unterschiede. Die Erfahrungen, die man macht, gibt man untereinander weiter - so ist jeder Laden absolut top. Diese Standardisierung ist scheinbar hier nicht möglich, weil sich die deutschen Tonkutscher noch nicht mitteilen können.

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FB: Das dürfte aber doch eigentlich keine große Schwierigkeit sein, meinst du nicht auch?

CP: Zum einen sind die Leute mit Arbeit überlastet und haben keine Zeit, Forschungen zu betreiben. Bei einigen mangelt's auch am Geld. Vielleicht sind die Moneten auch der Hauptgrund. In Amerika sind die Studios viel teurer als bei uns.
Zum anderen haben sich manche Leute auch ein bisschen zu sehr eingeigelt und wachen eifersüchtig darüber, dass den anderen die Erfindungen nicht bekannt werden. Die Kollegialität in Deutschland lässt doch sehr zu wünschen übrig. Die Erfahrungen können sich hier nicht so leicht verbreiten.

FB: Nun fahren aber doch in der letzten Zeit immer mehr englische und amerikanische Gruppen hier in Deutschland ihre Aufnahmen. Warum kommen sie rüber?

CP: Die ersten Anstöße waren wohl da, als man im Ausland bereits so perfekt und sauber aufgenommen hat, dass sich die Jungs gesagt haben, sie hätten gern mal was anderes; nicht immer diesen cleanen Sound. Sie wollten es etwas dreckiger haben, etwas erdhafter. So gingen sie in deutsche Aufnahmestudios und bekamen mal wieder ein anderes Klangbild zu hören. Ich selbst muss allerdings auch zugeben, dass ich von den Ausländern eine ganze Menge gelernt habe.

Das Dilemma ist immer wieder folgendes: Die meisten deutschen Gruppen haben zu wenig Zeit, eine LP einzuspielen. Sie sind darauf angewiesen, ihre Bühnenerfahrung zu verwenden und praktisch eine Live-LP zu produzieren, was vergleichsweise schwierig ist. Sie sind das Studio nicht gewöhnt, und außerdem fehlt ihnen das Publikum. Das sind zwei entscheidende Sachen, die ganz erheblich bremsen. Es ist eigentlich eine Katze, die sich selbst in den Schwanz beißt, denn irgendwo müssen die Leute doch Studioerfahrung bekommen und lernen, wie man Sounds aussucht, die zueinander passen, Arrangements so zu verändern, dass sie auf Platte wirklich optimal wirken. Dazu ist leider oft einfach nicht die Zeit da. Freilich fehlt einigen Studios auch die technische Möglichkeit, dies alles umzusetzen.

FB: Nun lass doch mal ein paar Tipps aus dem Sack, die vielleicht für die Leute in unserer Szene brauchbar sind.

CP: Den meisten Gruppen würde ich unter diesen Gesichtspunkten, die ich eben erwähnt habe, raten, sich entweder live aufzunehmen, weil sie dann am ehesten ihrer momentanen Qualität nahe kommen und zu warten, bis solch ein Produkt Erfolg hat, um dann in ein Studio zu gehen, damit man mit dem verdienten Geld Studioerfahrung "lernen" kann.

Man kann auch so verfahren, dass man in einem Übungsraum Studiobedingungen schafft. Das kann man schon mit nicht sehr teuren Mitteln erreichen. Meistens genügt da schon ein kleines Mischpult, ein paar Mikros und eine gute Tonbandmaschine.

FB: Jetzt zur Praxis. Wie geht die ganze Kiste nun tatsächlich ab. Wie muss man sich anstellen, damit man bei dieser Verfahrensweise optimalen Erfolg erzielen kann?

CP: Die CAN z.B. haben an solch eine Anlage Kopfhörer angeschlossen, die ausbalanciert wurden. Dann haben sie versucht, dass jeder einzelne von ihnen so spielt, dass er mit den anderen optimal zusammenpasst. So ist dann das, was man im Kopfhörer hat, auch tatsächlich auf Band. Das ist m.E. eine phantastische Art, sich schon mit einfachen Mitteln auf Studioaufnahmen zu konzentrieren. Rockmusik zu machen ist ja bekanntlich eine Gefühlssache; das Gefühl geht dann meistens flöten, wenn man auf Befehl etwas abliefern muss.
Über bestimmte Erfahrungsbereiche, die mit einem Studio zusammenhängen, kann ich schlecht mitteilen. Die Leute, die es machen und die es können, haben die Erfahrung gemacht - und es lässt sich einfach schlecht weitergeben. Man kann es wohl am besten mit Goethe sagen: "Wenn ihr's nicht fühlt, ihr werdet es nicht erjagen!"

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FB: Was kannst du zu den Leuten sagen, mit denen eine Gruppe zusammenarbeiten muss, wenn sie zum erstenmal in ein Studio gehen?

CP: Eine Gruppe sollte sich das Studio sehr gut aussuchen, ob sie sich wohlfühlt, ob die Atmosphäre relaxed ist - also nicht nach Stress stinkt, wie das in manchen kommerziellen Läden der Fall ist. Zum anderen sollten sie einen Produzenten und Toningenieur wählen, dem sie vertrauen, mit dem sie klarkommen. Die Gruppe sollte sich vollkommen klar sein, was sie spielen will und was nicht. Das Grundkonzept muss stehen, da darf man nichts dem Zufall überlassen.

FB: Die technische Ausrüstung spielt doch auch eine nicht zu verachtende Rolle, nicht wahr?

CP: Aber sicher! Es ist noch sehr wichtig, sich Informationen über den technischen Zustand dieser Arbeitsstätte einzuholen, zu wissen, ob z.B. eine Abhöranlage installiert ist, die es ermöglicht, eine Sache genauso zu hören, wie sie nachher nun echt klingt usw.
Am besten hilft man sich damit, dass man eine Scheibe, die die entsprechende Instrumentierung und Frequenzverteilung zeigt, und die gleichzeitig als bewährtes Produkt auf dem Markt ist, auf der selben Anlage vergleicht, auf der man selbst aufnimmt. In jedem Studio steht ein Plattenspieler, und so kann sich niemand daran vorbeidrücken, Vergleichsmaßstäbe zuzulassen.

FB: So, nun hat man einen Titel fertig, die Scheibe ist auf dem Markt. In den Staaten z.B. wird dann zunächst einmal der Markt abgecheckt, inwieweit ein Titel Chancen hat oder nicht. Kannst du dazu etwas sagen?

CP: Zunächst einmal müsste dazu noch folgendes gesagt werden: Das Verhältnis vom Interpreten zum Konsumenten ist in Amerika ganz anders. In den USA schafft nur derjenige den Erfolg, der der Erwartung des Publikums voll entspricht und auf den Punkt genau das spielt, was die Leute hören wollen. Bei uns ist das Schielen nach dem Publikum noch nicht so verbreitet.

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Zu der Frage nun: In Amerika gibt es eine Menge Privatsender, und die DJ's, die die Promotionplatten spielen, die zunächst von jeder Aufnahme gepresst werden, testen dadurch die Hörerresonanz. Hier hat Amerika viel feinfühligere Seismographen.

Irgendwo im Mittelwesten z.B. legte ein Typ in einer Sendung Bert Kaempferts "Wonderland by night" auf. Während der Sendung riefen nun einige Leute an und erkundigten sich nach diesem Titel. Das war der Grund, eine riesige Aktion zu starten und diesen Künstler zu präsentieren. Es wurde dann ja auch ein Riesenerfolg.

Die Amis arbeiten in dieser Beziehung viel cleverer als die Deutschen.

FB: Man spricht doch immer davon, dass im Business in Amerika, wo ja bekanntlich die meisten Sender in privater Hand sind, auch kräftig geschoben wird, frei nach dem Motto: ein Hunderter in der Hand macht die Scheibe im ganzen Land bekannt.

CP: Ja, das hat bei uns noch immer einen leicht kriminellen Geruch. Dort ist das vollkommen legal. Da ist eine Sponsorsendung eine ganz normale Kiste, um ein Produkt zu verbreiten. Die Leute haben einfach eine ganz andere Einstellung zu diesem Business. Es wird auch nicht als unehrenhaft betrachtet, wenn mit Geld gearbeitet wird. Das ist nämlich die Regel!

FB: In Amerika und England ist es üblich, dass sich die Top-Acts komplette Generalstäbe unterhalten, die nichts anderes zu tun haben, als z.B. die Trends abzuchecken. Kennst du das?

CP: Es gibt Typen wie z.B. Stevie Wonder oder Elton John, die nicht in irgendein Studio gehen, sondern irgendwo in aller Ruhe ihre Arbeit machen.

Sie haben einen Stab von Leuten, sozusagen eine Brain-Fabrik, die darüber nachdenken, welche Musik denn nun gemacht werden muss und Forschungen anstellen, wie es am besten klingt.

Diese Erkenntnisse schlagen sich dann auch in den Aufnahmestudios nieder. Man nimmt dann nicht irgendeine akustische Gitarre, man stellt auch nicht irgendein Mikro davor und fängt an zu spielen; nein, man hat vorher lange Zeit geknobelt, wie man's am besten macht. So geht das mit jedem einzelnen Instrument. Es wird unheimlich akkurat gearbeitet und bis ins letzte Detail gefeilt, gefiltert und manipuliert, bis dann tatsächlich ein perfektes Produkt entstanden ist.

FB: Ein Produkt, dass Kommerz und Musik in einem gesunden Verhältnis miteinander stehen, nicht wahr?

CP: Ja, die Amis beurteilen eine Scheibe nur danach, ob sie verkauft werden kann. Wenn ihre eigene Großmutter verkaufbar wäre, so würde sie halt verschachert. So wird einfach alles, was sie auf den Markt schicken, nach den bestmöglichen Gesichtspunkten ausgewählt, bevor man es dann endlich dem Markt übergibt. Das ist mit der Rockmusik genauso wie mit Waschmitteln oder Autos. Die Jungs wollen den letzten Dollar aus dem Produkt rauslutschen.

Die enormen Investitionen müssen sich lohnen.

Bei uns ist es irgendwie individueller, und eigentlich finde ich das auch gut so. Wenn ich mich einer Herde Konsumenten gegenüber sehen würde und genau weiß, was die Leute hören wollen, dann würde ich Angst bekommen. Ich wäre dann zwar unheimlich mächtig, weil ich das Volk entsprechend manipulieren könnte, aber eigentlich ist das nicht sehr sinnvoll. Dabei geht die Individualität der Person flöten. Bei uns in Deutschland ist noch mehr Eigeninitiative dabei, es ist einfach mehr ein hemdsärmeliges Pioniertum, aber etwas davon sollten wir uns erhalten ...

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