Groupies 11/74

11/74: Darum gibt es in der BRD keine Groupies


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Salamanda

Seitdem Jenny Fabian 1969 ihr Buch "Groupie" veröffentlicht hat und so manche Interviews von ausländischen Popgrößen zu diesem Thema auch in deutschsprachigen Popgazetten erschienen sind, beherrscht dieser Gedanke an Mädchen, die einem die Füße küssen und sich die Höschen nass machen, jeden Musikersprössling, wenn er sich schon die erste Gitarre kauft und knapp drei Akkorde drauf hat (oha, ich höre schon die ersten Empörungsrufe!). Wenn er es auch nicht zugibt, so geht ihm dieser Gedanke nicht mehr aus dem Kopf, auch wenn er nach einiger Zeit in "mehr als nur noch eine Band" spielt und ne LP gemacht hat. Sicher, hier und da gabs mal ein paar Mädchen, die man unterwegs aufreißen konnte, aber irgendwie ganz hinten im Kopf bleibt da doch so ein Zweifel: der Mythos vom Groupie ist doch nicht so ganz erfüllt worden, scheint alles also doch Aufschneiderei und Lüge gewesen zu sein. Weit gefehlt, denn Groupies (und damit meine ich die richtigen, die Profis, nicht die Schulmädchen, die sich übers Wochenende einen Typen angeln, um damit in der Schule anzugeben) gibts wirklich. Wo?

Nun, auf alle Fälle nicht in Deutschland - und wenn in Deutschland, dann bestimmt nicht für deutsche Musiker, sondern für die Stars, die übern Teich zu uns rüberkommen. Denkt mal an die Uschi Obermaier, warum die sich mit Mick Jagger etc. abgegeben hat. Einige Worte also von mir, einer Vertreterin des gleichen Geschlechts, die sich auch schon immer in Musikerkreisen wohlgefühlt hat.

Also, was ist ein Groupie und vor allem, warum ist es eins? Ein Mädchen also, das die Musik mag, die Musiker und die ganze Scene. Vor allen Dingen will sie dazugehören und ist erst ein richtiges Groupie, wenn sie dazugehört. In England und den Staaten gibt es eine richtige Groupie-Scene, mit Ranglisten, ähnlich einer Hitparade. Ein Stargroupie ist in der Scene fast genauso bekannt wie die Musiker. Ich selbst war lange genug in England in der Scene und spreche aus Erfahrungswerten. Der Ruf und Rang eines Groupies richtet sich nach den Musikern, mit denen sie sich umgeben kann. Nicht die Menge (so wie mancher glaubt) ist ausschlaggebend. Wenn ein Mädchen einen interessanten Typen fest an sich binden kann, zählt das weit mehr als eine wilde Herumbumserei. Das beste Beispiel ist Linda Eastman, die mit ihren Freundinnen um 5 Dollar gewettet hat, dass sie an Paul McCartney rankommt, und siehe da, heute ist sie verheiratet und weltbekannt. Bekanntwerden ist der drängendste Wunsch eines Groupies.

So, und wie ist das Ganze jetzt in Deutschland? Welche Typen sind denn da, die ein Groupie reizen könnten? Denkt man an die deutsche Scene, fallen einem Gruppennamen ein, aber niemals Namen von prominenten Musikern. Der Unterschied zur angloamerikanischen Scene ist der zu schwach (oder gar nicht) ausgeprägte Starkult, den ein Groupie braucht. Was nützt es, wenn man sagen kann, ich habe mit Ulrich Meier (Ähnlichkeit rein zufällig) geschlafen. "Wer ist denn das?" kommt die Antwort und du musst antworten: "Ja, weißt du, das ist der Drummer von X aus Y." In Deutschland fehlen Namen von Typen, die einen Mythos mit sich rumtragen. In Deutschland kennt man mit Mühe und Not ein paar Namen von Gruppen, die Mitglieder dieser Gruppen aber sind auswechselbar. Wenn Mick Jagger bei den Stones aussteigen würde, wäre er immer noch interessant, nicht nur als Musiker also, sondern vom Intellekt her. Als der Carsten Bohn von Frumpy weg ist, war er nichts mehr, sorry, aber es ist auch nur ein angenommenes Beispiel und austauschbar. Einige wenige Ausnahmen gibt es in Deutschland, das muss ich zugeben. Da ist zum Beispiel der Udo Lindenberg und sein Gitarrist, die ein Image mit sich herumschleppen. Das Panikorchester umgibt ein unbedingt interessantes Flair. Wenig reizvoll sind auch die ganz ausgeflippten, die noch nicht ganz vom makrobiotischen Indien- oder Cosmic-Trip runter sind, die Perry Rhodans von nebenan, denen der Gilb aus den Augen rauskommt, denen man erstmal die Staubschicht abklopfen muss. Auf solche Typen habe ich keinen Bock.

Sicher, Schuld am fehlenden Starkult haben nicht nur die Musiker selbst, fehlendes Interesse der Massenmedien am Deutsch-Rock (leider immer noch) trifft auch in gewisser Weise die Schuld. Aber es bringt auch wirklich keiner die Sachen, die einem Reporter die Feder locker machen.

Tut also mal was, arbeitet an Euch. Auch in der Stadt, in der du morgen spielst, könnte ein Mädchen sitzen, das scharf auf Dich wäre, wenn du nicht nur vollgekifft verzückt deine Saiten ziehst, sondern mehr von Dir wissen würde.

Besonders Hoffnungsvolle, die diesen Brief lesen und denken, na also, da sitzt doch ein Groupie rum, das müssen wir mal antesten, darf ich eine kalte Dusche empfehlen. Ich lebe z.Zt. fest mit dem "Nine Days Wonder"-Bassisten Michael zusammen und will das auch noch länger durchziehen. Michael ist übrigens einer der wenigen Typen in Deutschland, die mich davon abhalten, wieder nach England zu gehen.

Es küsst die Scene
Salamanda
68 Mannheim 1, Kl. Riedstr. 17

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