Conny Plank Interview 11/74

11/74: Interview mit Conny Plank, von Ax Genrich (Guru Guru)


Conny Plank
Dies ist nun das zweite Interview, diesmal mit Conny Plank (Anm.: Ax Genrichs erstes Interview war mit Volker Kriegel), und es kommen mir natürlich schon die ersten Bedenken, ob das Ganze überhaupt einen Sinn hat. Erstmal, ich möchte nicht Frau Sybille oder sonst ein Kolumnenungeheuer sein, obwohl ich mich über die Briefe sehr freue und sie euch gern beantwortet habe. Ich werde sie euch weiterhin beantworten und es sind ja auch einige interessante Brieffreundschaften entstanden, aber das war trotzdem nicht der Sinn der Sache.
Einige machen mir vielleicht den Vorwurf, ich wollte die Unterbrechung meiner Musikerkarriere vertuschen und mich auf diese Art featuren. Aber das ist auch vorbei, denn Gitarre spielen ist geiler als schreiben. Ich habe echt geglaubt, dass ich mit meinen Erfahrungen oder den meiner Interviewpartner vielen Leuten helfe und einige dazu bringe, ihrerseits einmal Informationen auszupacken. Aber gerade die Reaktion der Leute, die etwas wissen müssten - also der Profis - war gering.
Und dann, das habt ihr sicherlich gemerkt, geht es mir nicht so sehr um die technischen Details, sondern vielmehr um das, was eigentlich dahinter steht, was normale Menschen zu unabhängigen und schöpferischen Könnern ihres Fachs gemacht hat. Und auf dem Gebiet, nachdem es anfangs recht positiv aussah, scheinen die deutschen Musiker zu passen. Das Experimentierstadium ist zwar verlassen, dafür befinden wir uns allem Anschein nach in einem Kopierstadium. Jazzrock und Germanfunk sind da so die Schlüsselwörter, und ich würde gern mal wissen, wie vielen deutschen Musikern mit den 'Hymns to the seventh galaxy' die Erleuchtung kam.
Eigentlich nichts dagegen. Mir ist nur schade, dass da einige mitmachen, die eigentlich durch ihre persönliche musikalische Aussage mehr zur Scene hätten beitragen können.
Mit anderen Worten: es ist wohl Blödsinn Tips zu geben, wie man am schnellsten wie der und der werden kann, und der Conny Plank kann euch nicht den Sound wie Harvey Mandel einstellen, er dient ihm bloß als Orientierungshilfe.

Ax: Wenn man heute auf die Idee kommt, Rockmusik zu machen und sich vielleicht bald einige Anfangserfolge einstellen, dann dauert es nicht lang und man will den Ausbruch schöpferischer Tätigkeit auf Schallplatten verewigt sehen. Diese relativ kurze Zeitspanne von der Gruppengründung bis zur ersten LP ist in einigen Fällen von Plattenfirmen unterstützt worden, was zur Folge hatte, dass ein jeder heute automatisch die LP in seine Musikermotivation mit einbezieht. Was sollte ein Studioanfänger unbedingt wissen?

Conny: Um das genau zu beantworten, will ich zunächst einmal in die Studiogeschichte zurückgehen. Was ist eigentlich deutsche Studiogeschichte? Die Reichsrundfunk-Ingenieure, die Typen von der Deutschen Grammophon, haben darauf geachtet, ein Klangbild zu reproduzieren, welches etwas ähnliches darstellt, wie das Konzert selbst. Sie suchten sich akustisch hervorragende Säle aus und plazierten die Mikrofone weit weg vom Klangkörper, um möglichst den gleichen Höreindruck, wie ihn der Konzertbesucher erlebt, auf die Matrize zu kriegen. Die Studiogeschichte der Amis fängt erst nach dem Krieg so richtig an. Die wollten alle Details, welche innerhalb einer Musik passieren, möglichst fett nach vorne kriegen. Praktisch wollten sie einen Sound aufzeichnen, als hättest du viele Ohren und könntest jede Klangquelle im Kopf zusammenmixen. Das sind also zwei grundlegend verschiedene Konzepte, und bei der Anwendung kommt es auf das Musikmaterial an, welches zu übertragen ist. Wenn du die Bostoner Symphoniker hörst, klingt das zwar toll bombastisch, aber es hat mit einer Superaufzeichung der Deutschen Grammophon nichts zu tun. Die ist einfach besser.

Ax: Also nicht nur die Wurzeln der Rockmusik, sondern auch die Wurzeln der mit ihr verbundenen Studiotechnik liegen in Amerika. Bei Live-Konzertaufzeichnungen musste ich oft feststellen, dass Rundfunktechniker heute noch nicht durchblicken, trotz Ü-Wagen und modernem Equipment. Hängt das mit dieser sogenannten 'Alten Schule' zusammen?

Conny: Die sind mit den neuen technischen Gegebenheiten, die eine Rockgruppe bietet, total überfordert. Die müssen einfach passen, wenn sie auf die Sache stoßen, die nicht in ihr gelerntes Konzept hineinpasst.

Ax: Allerdings hört man, dass das technische Grundequipment eines deutschen Studios dem eines englischen oder amerikanischen in nichts nachsteht.

Conny: Die Ausrüstung ist grundsätzlich, naja, genauer. Nur wird sie in Amerika oder in England cleverer angewandt, anders gehandhabt. Sie steht zu dem, was gemacht wird, in einem anderen Bezug.

Ax: Damit könnte man ja das Vorurteil einer frustrierten deutschen Rockgruppe beiseite räumen, welche das Nichtgelingen ihres Werkes auf das Studio schiebt. Bleibt nur noch der Ingenieur, der Produzent, der sowieso nicht allzu häufig anwesend ist, oder die Musiker selbst, die den Flop provozieren.

Conny: Ich habe einen brutalen Spruch: Jede Gruppe kriegt den Sound, den sie verdient.

Ax: Wir deutschen Rocker, die ja im allgemeinen alle mal auf U.S.-Platten abgefahren sind, gehen meist mit einer amerikanischen Klangvorstellung an unsere eigenen Produkte, wenn wir im Studio sind. Werden wir jemals den zeitlichen Vorsprung aufholen, den die Amis oder auch die Engländer uns voraus haben, wenn es um moderne Aufnahmequalität geht?

Conny: Das könnte der Fall sein, wenn sich der öffentliche Geschmack, das, worauf das Gros der Leute abfährt, wandelt. Es kann plötzlich passieren, wenn die Stimmung total umschlägt. Das hast du gehabt, als Amerika wie verrückt Bert Kämpfert kaufte. Kämpfert ist ein Schulbeispiel alter deutscher Aufnahmetechnik; mit zwei Mikrofonen aufgenommen, die Musiker gehörrichtig zum Mikro aufgestellt. Einfach eine gute Idee, und der Erfolg hat es bewiesen. Und sie haben versucht, den Bert-Kämpfert-Sound nachzuvollziehen und haben es nie geschafft, weil sie nicht wussten, wie es gemacht wird. Andererseits haben die Amis für die Rockmusik Pionierarbeit geleistet; durch geschickte Separation der einzelnen Instrumente, durch aufstellen von Trennwänden in kleinen Studios. Es gab in Hollywood die ersten winzigen Studios, die aber einen höllisch dicken Sound rausbrachten. Da hat man sich in Deutschland stark gewundert.

Ax: Es wäre also für einen Anfänger wichtig, sich darauf gefasst zu machen, unter total anderen Bedingungen als auf der Bühne zu musizieren, wenn er an ein ausländisches Klangideal heranreichen will. Allein, in Trennwänden eingepackt, ohne den engen Kontakt zum Mitmusiker dennoch sauber und 'gutsy' spielen zu können.

Conny: Ja, das haben besonders die Engländer exzessiv angewandt, als Sie in den späten sechziger Jahren ihren gewaltigen Fortschritt in der Soundtechnik gemacht haben, aber letzten Endes sind das alles kommerzielle Gesichtspunkte.

Ax: Kommerziell ist, was verkauft - und was verkauft, ist gut. Aber bei uns scheint sich ja die Musik am besten zu verkaufen, die am unkommerziellsten klingt. Ich denke da an Tangerine Dream, Can, Kraftwerk oder Neu. Zu einem gewissen Teil bist du ja auch an deren Produkten beteiligt, also Kraftwerk und Neu. Was meinst du, ist es die Andersartigkeit, welche die Produkte kommerziell macht oder einfach die außergewöhnliche Qualität?

Conny: Es ist das andere Musikgefühl, welches die Jungs hier produzieren. Wir haben hier ein Musikpotenzial, welches noch nicht entdeckt wurde, weil alles durch den Rock verunsichert ist. Der Rock ist ein sehr starkes Element, und weil bei den Amis die Verkäufe total im Vordergrund stehen, mit dem dazugehörigen Apparat, konnten wir uns hier dem Klischee nicht verschließen und wurden davon vielleicht genauso geprägt, wie die Leute in den USA selbst. Das bedeutet aber nicht, dass unsere eigenen Substanzen gänzlich verschwunden sind. Wenn einige Jungs nur mutiger und freier wären, könnte sich das Zusammentreffen ausländischer Prägung mit eigener Substanz zu immer mehr Produkten niederschlagen, wie z.b. Kraftwerk. Das sind eigenwillige Jungs. Der Klaus Dinger (Neu) ist auch ein eigenwilliger Typ, der sich nicht so schnell von auswärts was ins Gehirn blasen lässt.

Ax: Das will ich akzeptieren und es ist mir auch klar, dass zu einer außergewöhnlichen Sache totale Individualität der Schlüssel ist. Aber ich will nun weniger starken Typen nicht sämtliche Hoffnung rauben. Da gibt es welche, die genau den Sound von dem und dem haben wollen, ihn aber mit ihrer eigenen Phrasierung koppeln, so dass eine halbeigene Sache entsteht. Könntest du denen helfen, wenn sie dir Plattenbeispiele nennen oder ist so etwas von vornherein out?

Conny: Wenn es einer wirklich will, bemühe ich mich, das so zu machen, und dann ist das Plattenbeispiel auch mir eine Hilfe. Nur, ich muss ihn dann über die Bedingungen aufklären, die zu einem solchen Ergebnis führen. Gerade gab es große Diskussionen wie: der "YES-Bass" klingt so toll, wie zwei Bassisten auf einmal; es klingt tief, es klingt hoch und in der Mitte so durchsichtig, so toll, wie wurde das gemacht? Dazu kann ich sagen, gib mir erst einmal die Zeit, die die Jungs gehabt haben, um den Ton zu entwickeln. Die sitzen erst einmal monatelang im Studio und stellen ein und probieren rum und fummeln, bevor sie dann an die eigentliche Produktion rangehen, aber dieses Geld hat hier kein Mensch. Wir sind gezwungen, auf die Schnelle irgendwas hinzukriegen.

Ax: Obwohl ich die Meinung eines Engländers gehört habe, der sich wunderte, wieviel Zeit deutsche Gruppen im Studio verplempern und wie schnell das alles in England klappt.

Conny: Natürlich ergeben sich aus Forschungszeiträumen auch wieder Erfahrungen, die ein Ingenieur bei Gruppen mit weniger Etat schnell reproduzieren kann oder er schaut es sich woanders ab. Aber die eigentliche Neuerung kommt immer dem zugute, der viel Zeit und Geld zum Experimentieren hat. Was glaubst du, was die dem Phil Spector auf die Finger geguckt haben. Der hat sich irgendwann mal hingesetzt und alle möglichen Verzerrungen durchprobiert, wie und durch welche Geräte sie erreicht werden können.

Ax: Und er hat keine Geheimniskrämerei gemacht. Wäre es nicht dufte, wenn die Scene in dieser Hinsicht transparenter wäre, denn Geld zum Experimentieren wird heute hier von keiner Firma mehr ausgespuckt. Würdest du bestimmte Einstellungen am Mischpult verraten?

Conny: Klar. Und auch ein englischer Toning verrät sie dir oder du kannst sie auch abschauen. Nur, ich weiß nicht, ob unserer Musik damit gedient ist, irgendwelche englischen Praktiken zu klauen.

Ax: Na, vielleicht nur, um sie zu wissen oder um darauf aufzubauen. Außer den vorhin genannten Gruppen stützen sich doch die meisten auf das ausländische Klangideal und erreichen das Ziel nicht. Dem Käuferpublikum wird einfach eine Diskrepanz deutlich.

Conny: Für mich liegt das eigentlich immer an den Musikern. Ich habe noch nie eine deutsche Gruppe gehört, die wie eine englische klingt. Also, schlechter oder besser wollen wir jetzt mal weglassen. Aber schau den Engländern mal auf die Finger, sieh dir mal Pete Townshend an, wie der in die Saiten langt, und schau mal den deutschen Märchen-Musikern zu, wobei ich gegen deren Musik nichts einzuwenden habe, nur, der Unterschied ist doch offensichtlich. Klaus Voormann ist aus Berlin und der hat irgendwann mal begriffen, dass es hier keinen gibt, der genauso hinlangt wie er, also ist er ausgewandert.
In Deutschland würde doch niemand auf die Bühne gehen und, ohne irgendein englisches Vorbild gesehen zu haben (ein tierisch rockiger Aufschrei vom dicken Conny), irgendwelche ekstatischen Bewegungen machen. Das ist eine Mentalitätsfrage. Vielleicht ist das mal drin, wenn die Bedingungen ähnlich sind. In Deutschland ist halt eine liebere Scene, alles braver. Von Studioerfahrung kann hier noch nicht die Rede sein, weil in der Art Musik noch nichts gemacht wurde.
Die Typen, die am Drücker sitzen, sind mit Schlagerproduktionen viel besser bedient, die deutsche Rock-Scene ist zwar künstlich gepuscht, Krautrock oder so, aber vorläufig ist sie noch ein schönes Märchen. Irgendwo lokal passieren mal außergewöhnliche Dinge, weil ein paar glückliche Zufälle zusammenkommen. Aber sogar mit Kraftwerk muss ich dir einen Zahn ziehen. Das war irgendwo eine große Imagefrage. Man hat sich an das erste beste Produkt geklammert, und es ist ja auch nicht schlecht.

Ax: Obwohl du jetzt dein eigenes unabhängiges Studio hast und der Scene eigentlich auf Gedeih und Verderb ausgeliefert bist, gibst du den deutschen Musikern nicht viel Kredit, wenn sie sich nicht gewaltig ändern. Liegt es nur an den Musikern?

Conny: Es gibt in Deutschland keine Managerfigur, die so total auf ein Produkt abfährt und es durchbringt, - das ist dufte, da steh ich drauf, auf Biegen und Brechen. Und das sind übliche Geschäftsgepflogenheiten im Ausland. Da muss ein Manager so sein, mit all der Härte, die dazugehört.

Ax: Naja, wenn Freund Hudalla das jetzt liest, denkt der, Bullshit, das tu ich doch für meine Gruppen und doch trifft der gewünschte Effekt nicht ein. Was ist also los?

Conny: Das Publikum, wenn es wirklich 'Yeah' schreit, wenn es eine Sache gefressen hat, dann puscht es den Musiker, und dann finden sich hier auch Leute, die investieren, um was gigantisch aufzubauen und die nur die allerbesten Leute dafür suchen.

Ax: Nun wird es aber kompliziert. Wenn ich heute ein Live-Konzert einer ausländischen Gruppe besuche, welche im Vergleich zu uns gigantische Ausmaße annimmt, reagiere ich oft, wie andere auch, ziemlich kühl und gelassen. Bei all dem Reizüberfluss muss doch eine deutsche Gruppe zwangsläufig hinten anstehen. Wie soll sie denn ein Publikum zu einer 'say yeah' Reaktion hinreißen, wenn die sogar bei Spitzenleuten gelangweilt reagieren. Außerdem habe ich selber erlebt, dass positive Reaktionen von kurzer Dauer sind. Beim Krefeld-Festival reagierte das Publikum auf Guru Guru außergewöhnlich und doch ist die Gruppe, wenn ich das richtig überblicke, heute in keiner besseren ökonomischen Situation. Also zählt doch einzig der Erfolg im Plattengeschäft, der natürlich manipulierbar ist.

Conny: Es war niemand da, der sich die Mühe gemacht hatte, herauszuarbeiten, was da in Krefeld gewirkt hat, um es dann auf synthetischem Wege, also im Studio, zu reproduzieren. Und gerade das passiert ja im Ausland. Jimmy Miller, wenn der was produziert, weiß ganz genau, was den Appeal einer Band ausmacht. Und außerdem muss ich den Gruppen hier vorwerfen, dass sie zu oft introvertiert sind und sich nicht trauen, einen Produzenten an ihre kostbare Musik zu lassen. Dazu muss ich sagen, dass ich noch keinen gescheiten Produzenten in Deutschland gesehen habe.

Ax: Klar, in Deutschland willst du dein eigener Produzent sein, um die Ursprünglichkeit deines Produktes zu gewährleisten und ja nicht den Touch des kommerziellen heraufzubeschwören. Aber irgendwie schneidet man sich da ins eigene Fleisch. Sämtliche Guru-Platten sind eigentlich falsch produziert und irgendwie ist jetzt alles zu spät.

Conny: Ich habe euch immer gesagt, ihr seid eine Live-Gruppe. Ihr wart im Studio immer gehemmt, unter dem Druck, irgendeiner Sache gerecht zu werden. Nach dem Schema: jetzt müssen wir unsere vier Stücke, die wir gemacht haben, unterbringen. Wenn ihr die voll ausgespielt hättet, wie ihr das gewöhnt seid... Und immer das Band mitlaufen lassen, egal wieviel Rollen das werden. Danach hört man sich das alles an - das ist gut und das - und dann wird entweder geschnitten oder überblendet, mit raffinierten Bearbeitungsmethoden herausgefiltert, das hätte sicherlich zu einem interessanten Resultat geführt.

Ax: Kann man sagen, dass die Can das so machen?

Conny: Can ist eigentlich die einzige konsequente Gruppe in Deutschland, die es verstanden hat, ihren ökonomischen Zustand mit ihrer Produktionsweise und ihren Produktionsmitteln in Einklang zu bringen. Die haben sich gesagt, wir haben nicht so viel Geld, um den totalen Studiofuck mit den tollen Sounds zu betreiben. Also stellen wir unsere Geräte so ein, dass es optimal klingt, mischen das auf einem ganz normalen Mixer so, dass sich jeder gut hört. Und wie es dann im Kopfhörer tönt, so ist es nachher auf dem Band. Das ist fantastisch. Das ist ein System, das in sich stimmt. Einfach ein natürliches Gefühl zur eigenen Leistung und zur Markterwartung. Einfach toll. Das ist doch eine Anregung für andere Gruppen, sich mal zu überlegen, ob sie sich das Haus mit Elektronikschrott vollstellen sollen, Türme, Wahnsinn, noch 'nen dicken Kasten, bloß weil sie denken, das bringt den Sound, und den brauche ich, um Erfolg zu haben. Die sind irgendwelchen Gerätschaften auf die Rolle gegangen. Die machen die Musik nach dem Gerät und nehmen nicht das Gerät, um Musik zu machen. Oder ob sie sich nicht lieber zu einem System entschließen sollten, das ihnen selbst gerecht wird, wie es z.b. bei den Can der Fall ist.
Diese blöde Angst bei den meisten, das Klischee richtig zu bedienen, oder das Spekulieren, wie werden wir am schnellsten eine Supergruppe, dieses ausschalten der eigenen Idividualität, das macht soviel kaputt. Wir müssen uns mit deutscher Musik, ohne jetzt einen Nationalstolz produzieren zu wollen, aus der englischen und amerikanischen Kiste heraushalten und es von einer ganz anderen Art und Mache bringen. Natürlich können wir uns irgendwelche Sound- Erkenntnisse von denen zunutze machen, aber eine wirklich gute Sache hängt nicht von einer Supertechnologie ab, von Erkenntnissen, wie toll ein Bass oder eine Orgel klingt. Aber solange man sich immer noch in dem Maße in fremde Gefühle einklinkt, sollte man sich nicht wundern, dass eigentlich nichts passiert.

Ax: Irgendwie einleuchtend. Trotzdem verstehe ich eines nicht: wenn ich z.b. deutsche Rockproduktionen mit amerikanischen vergleiche, beim Abhören auf einer ganz normalen Anlage, dann klingt die deutsche immer leiser. Das ist doch ein technischer Fuck, welcher sich stark auf den Verkauf und auf andere Bereiche auswirkt.

Conny: Da kann ich dir ein Beispiel nennen. Die Gruppe Jane, ganz gleich, was man jetzt so von der hält, klingt genauso saftig auf Platte, wie die Ausländer auch. Und um das zu erklären, führ dir doch die Diskussionen vor Augen, die beim Mischen passieren, wo jeder sich hören will und zuerst an seinen Scheiß denkt. Die Jane-Typen haben da mehr Vertrauen zueinander und der 'Together-Sound' steht immer im Vordergrund. Den Ausländern ist schon lange klar, was für einen Stellenwert sein partieller Soundbeitrag hat, und sie finden sich viel schneller in der Soundlandschaft zurecht. Das ist eben ein Klischee und da gibt es keine langen Diskussionen. Eine musikalische Balance ist nicht von den Wünschen eines einzelnen abhängig, sondern von dem, was da vielleicht zufällig zusammen gekommen ist. Paul Klee hat mal gesagt: 'Ein Werk macht sich ab einem gewissen Zeitpunkt selbständig. Du schaffst nicht mehr das Werk, sondern es fordert von dir seine Vollendung. Und du schadest dem Werk, wenn du die von ihm entwickelten Gesetze nicht spürst.'

Ax: Also Vorsicht beim Mischen, nach dem Motto: viele Köche verderben den Brei. Man sollte immer auf Solistenkram zugunsten der Gesamtproduktion verzichten können.

Conny: Manchmal passiert es aber auch, dass der Gitarrist sagt, an der Stelle habe ich was besonders duftes gespielt und du hast es beim Mischen vergessen. Wenn es dann hinzu kommt, klingt tatsächlich alles viel besser. Das sind dann echte Hilfen für den Ingenieur. Aber grundsätzlich passiert bei unerfahrenen Leuten, die konzentriert hören, was psychologisches. Sie regeln das Instrument, dem sie zuhören, lauter, so dass das Gesamthören gestört ist.

Ax: Da würde ich sagen, ein unbefangener mit Durchblick müsste zum Mischen her.

Conny: Ja deshalb sind die Amis dazu übergegangen, den einen Ingenieur die Aufnahme fahren zu lassen und einen anderen als Mixer zu nehmen.

Ax: Trotz eventueller Kommunikationsschwierigkeiten beim Mischen und einer gewissen Gefahr zu meinen, es besser zu können als der Toning, sollten die Musiker doch dabei sein. Gerade du hast auch immer geraten, sich mit technischen Problemen auseinanderzusetzen, zu Hause vielleicht selber mit einem Vierspurgerät vorzusondieren.

Conny: Ja, der Musiker der Zukunft sollte auch Toning sein. Einfach, um da überhaupt den Überblick zu behalten, denn die Anforderungen, welche die technische Entwicklung stellt, nehmen ständig zu. Zumindest sollten die Handgriffe, die der Ingenieur am Pult macht, dem Musiker bekannt sein. Er sollte die Terminologie beherrschen, um besser klarmachen zu können, was er sich vorstellt. Natürlich wird es immer Typen geben, die sich einen Furz um die Technik kümmern, dafür aber in die Saiten langen, dass es alle umhaut. Aber das sind Leute, die durch ihr Feeling alles rausreißen. Die normalen Typen sollten sich schon einen Überblick verschaffen. Ein klares Handbuch wäre da vielleicht angebracht.

Ax: Wir haben vorhin über die Aufnahmetechnik der Reichsrundfunkingenieure gesprochen. Die moderne Kunstkopftechnik, die bis jetzt eigentlich nur in Deutschland praktiziert wird, ist ja davon die direkte Weiterentwicklung. Das wäre vielleicht die Lösung für den Deutschrock, ein modernes Produktionsverfahren, welches sich deutlich vom ausländischen abhebt.

Conny: Ja, das ist eine echte Weiterentwicklung, ein perfektes System. Ein Mikrofon stellt ja eigentlich nur eine Membran dar, so als würdest du die Trommelfelle aus dem Ohr herausbauen und irgendwo hinhängen. Aber es passieren ja noch Prozesse innerhalb der Ohrmuschel des Gehörgangs, mit dem ganzen Mechanismus Amboss, Steigbügel, ganz spezifisch zur Übertragung in den Kopf. Und die Nachbildung des Ohrs in Verbindung mit einem Mikrofon ist einfach super. Das ist ein zweispuriges Ereignis, welches durch die verschiedenen Laufzeiten und anheben oder absinken der Präsenzen zu einem Quadrophonie-Hörerlebnis wird. Ohne den Kunstkopf wäre das ungeheuer schwierig nachzuvollziehen. Nur lässt sich das nur durch Kopfhörer wiedergeben, und dass ein musikalisches Produkt an den Kopfhörer gebunden ist, das halte ich für Stress, und wenn es noch so interessant ist.
Ich habe mir schon überlegt, was ich für Sachen machen könnte. Räume ineinander schachteln, akustische Fiktionen darstellen; ich könnte simulieren, dass man durch den Raum fliegt, du dich drehst oder in zwei Räumen zugleich bist. Total ausgeflippte Sachen. Das ist eine fantastische Spielerei, nur weiß ich nicht, ob sie vom kommerziellen Gesichtspunkt aus gesehen interessant ist. Wie gesagt, auch der Stress mit dem Kopfhörer.

Ax: Vielen Dank an Conny. Er hat zumindest denen, die noch nie ein Studio von innen gesehen haben, einiges sagen können. Und er hätte zumindest nichts dagegen, wenn interessierte Anfänger mit ernsten Ambitionen ihm mal in seinem Studio auf die Finger schauen wollen. Nur ist der Abhörraum sehr klein und manche Gruppen wollen bei ihrer Arbeit eine intime Atmosphäre. Auf jeden Fall sollte man vorher telefonisch anfragen.

Ax Genrich, 69 Heidelberg, Kühlergrund 62, c/o Levinson

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