Holger Czukay 2/73

2/73: Holger Czukay über das Can-Studio



Holger Czukay '73

An Tonbandgeräten gibt es zwei Revox A 77 und eine Studer B 62, die wir uns kürzlich angeschafft haben. Die Maschinen werden von einem durchschnittlichen Mischpult (8 Kanäle) eigener Konstruktion ausgesteuert. Jeder Kanal hat einen Höhen- und Tiefenregler und 4 Präsenzfilter. Ein paar dynamische Mikrofone (Sennheiser MD 421 + MD 441) gehören zur Grundausstattung, die jetzt durch 4 Neumann Kondensator-Mikrofone erweitert wurde. Das wär's auch schon mit der Technik - ach so, Hall kommt von einem Klavier, vor das ein Lautsprecher gestellt wird und aus 5 Hallspiralen, für jeden eine. Also alles billig, billig - auch der Oszillograf, der über die Aussteuerung Auskunft gibt.

Alles, was bei uns nun die unverwechselbare Soundqualität ausmacht, ist die persönliche Beziehung der Musiker zu den Geräten. Das, was da ist, ist da und es wird nicht den ganzen Tag herumgemeckert, was sonst noch alles da sein müsste. Technische Armut muss eben in musikalischen Reichtum umgewandelt werden, davon lebt unsere Musik. Das bekam jetzt auch Alex zu spüren, mit dem Jaki und ich eine LP produziert haben, solange Michael krank war. Der arme Alex - nach manchen Aufnahmen war er mit den Nerven ganz unten, dann mussten wir ihn mit Kaffee und Kuchen wieder aufmuntern. Übrigens begann jeder Tag mit einem Kaffeekränzchen und einer anschließenden Session, die sehr zur Reinigung des Gehörganges beigetragen hat. Anschließend sagte einer dem anderen jede Menge nur erdenklicher Unfreundlichkeiten - lautstark natürlich. So waren alle Voraussetzungen erfüllt, um eine gute Aufnahme zustande zu bringen.

Aber jetzt zu den Räumlichkeiten. Früher hatten wir ein mittelgroßes Zimmer in einem alten Wasserschloss (das Treppenhaus war ein wunderbarer Hallraum), jetzt sind wir in ein altes Kino umgezogen. Von der Bundeswehr haben wir uns 1500 Matratzen gekauft (400 Mark), und damit die Wände und die Decke ausstaffiert, was von den Nachbarn sehr begrüßt wurde. Aus dem Rest der Matratzen wurden Sofas und ein schalldichter Käfig gebaut, in dem sich meistens Damo aufhält. Alles, was akustisch sehr leise klingt (Konzertgitarre, kleine Perkussionsinstrumente) und mit dem lauten Schlagzeug zusammen aufgenommen werden soll, kommt in den Käfig. Drei weitere Räume enthalten die Lautsprecher der Instrumente.

Wie die Aufnahme abläuft? Ganz einfach: Alle hören über Kopfhörer, was auf das Band kommt. Jeder stellt also an seinem Vorverstärker die Balance zu den anderen her. Beim ersten Abhören wird festgestellt, was zu laut, zu hoch oder was sonst noch ist. Dann ein neuer Versuch. Inzwischen haben wir uns an die Kopfhörer gewöhnt - Jaki hat's da am schwersten, er bekommt aber demnächst ein kleines Mischpültchen zur Seite, an dem er sein Schlagzeug beliebig abdrehen kann. So hört er sich selbst akustisch, den Rest bekommt er über Kopfhörer.

Alle restlichen Regelungen mache ich am Mischpult. Gibt es viel zu tun, so spiele ich kurze Töne oder leere Saite, um in der entstehenden Pause schnell was zu drehen. Liegt am Mischpult ganz viel an, dann haue ich halt alle vier Takte und einen Wummser rein, in den Takten dazwischen wird geregelt. Auf diese Weise haben wir uns einen Toningenieur eingespart.

Sollte jemand von Euch mal einen Wunsch haben, eine Platte in Eigenproduktion herzustellen - wozu jeder beliebige Raum gut sein kann - so vergesst nicht, dass Euer spezieller Sound, der sich ja aus der jeweiligen Aufnahmesituation ergibt, von keinem noch so exlusiven und teuren Studio in der Welt nachgemacht werden kann. Das nur zur Anhebung Eures Selbstvertrauens. Aber niemals vergessen: Die Musik auf dem Band muss Euch und andere voll befriedigen!! Dann kann einfach nichts schiefgehen, das wäre ja noch schöner.

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