Der Synthesizer 11/73
Der Synthesizer

Seit einiger Zeit hat ein neues Klangerzeugungsinstrument die musikalische Szene betreten. Bis dahin wurden Instrumente gebaut, die eine festgelegte Klangfarbe mit vielfältigen Veränderungsmöglichkeiten hervorbrachten. Natürlich konnte der Spieler frei wählen und auch Zwischentöne hörbar machen, die innerhalb der Grenzen des Instrumentes lagen. Der spezifische Obertongehalt (die grundlegende Klangeigenschaft) des betreffenden Musikinstrumentes war jedoch nicht veränderlich. Die elektronische Orgel durchbrach zum ersten Male die Grenze, aber auch sie konnte einen gewissen Spielraum nicht verlassen, denn die elektronische Orgel bediente sich in gewissem Maße der klassischen Instrumente; und hier sind Grenzen gesetzt.

Beim SYNTHESIZER ist das anders. Er erfüllt, durch seinen speziellen Aufbau, die Idealvorstellung des kreativen Klanginstrumentes. Ihr habt durch den SYNTHESIZER erstmals die Möglichkeit, Eure eigene Klangvorstellung zu realisieren. Wie ein Künstler sein Werk Stück für Stück aufbaut, so müsst Ihr (synthetisch) Euren "SOUND" systematisch zusammensetzen können.

Im Gegensatz wie z.B. bei einem Verstärker oder einem Tonbandgerät, bei denen die einzelnen elektronischen Komponenten permanent miteinander verbunden sind, um eine einzige Aufgabe zu erfüllen, verfügt ein guter SYNTHESIZER über mehr als 1 Dutzend verschiedene Komponenten, die man je nach Bedarf beliebig zusammenschalten kann - sei es nun durch Kabel oder mit Steckern auf einem Kreuzschienenverteiler.

Um einen Synthesizer kreativ zur Erzeugung oder Verformung elektronischer Klänge einzusetzen, hat es meiner Ansicht nach wenig Sinn, sich ein Gerät zu kaufen, bei dem die heute beliebten "SOUNDS" durch einen Knopfdruck oder durch begrenzt vorgegebene Schaltungswege hörbar sind. Die folgende Aufstellung gibt Euch einen Anhaltspunkt, was ein guter "SYNTHI" beinhalten soll:

Die spannungsgesteuerten Komponenten des SYNTHIS lassen sich in 3 Gruppen aufteilen. Zuerst die Gruppe der "Klangquellen" oder Generatoren (ein Generator erzeugt ein Ausgangssignal, ohne dass ein Eingangssignal vorhanden sein muss). Zum "guten Ton" braucht Ihr mindestens 3 - 4, in der Frequenz (Tonhöhe) unabhängig voneinander einstellbare Generatoren, die verschiedene Wellenformen (Sinus, Rechteck, Sägezahn, Puls und Dreieck) im Frequenzbereich von ca. 0,05 - 10.000 Hz erzeugen. Ein zusätzlich eingebauter Rauschgenerator, dessen Bandbreite verändert werden kann, wäre für Euch vorteilhaft. Die zweite Komponentengruppe bilden die Veränderungseinrichtungen. Diese Komponenten ändern ein zugeführtes Signal, ob es nun von den Generatoren kommt oder von einer Fremdquelle (z.B. Gitarre, Orgel, Mikrofon oder Schlagzeug). Hierzu gehört ein spezielles, mehrfach beeinflussbares Aktivfilter, ein Ringmodulator, eine Einrichtung zur Formung der Dynamic (Lautstärke-Verhältnis) und somit das Ein- und Ausklingen des gewünschten Klanges regelt, eine Nachhalleinrichtung mit Mischstufe sowie ein 2-Koordinaten-Potentiometer (Steuerknüppel oder Joystick), mit dem 2 verschiedene Abläufe gleichzeitig gesteuert werden können. Die Ausgangsschaltungen bilden die 3. Komponentengruppe. Hier finden die Eigen- und Fremdsignale ihre endgültige Bestimmung. Der Vorteil dieser Gruppierung liegt darin, dass sämtliche Einstell- und Regelfunktionen sowohl von Hand als auch durch Gleichspannungen gesteuert werden können (Prinzip der Gleichspannungssteuerung). Über einen speziellen Verteiler sollten alle Signale oder Klangquellen mit den Veränderungseinrichtungen und untereinander kreuz und quer verbunden werden können. Bei einem SYNTHESIZER, der zusätzlich von einer Steuertastatur aus gespielt wird, ist die Tastatur normalerweise auf das temperierte System gestimmt. Es sollte jedoch möglich sein, die Stimmung um den Zentralton zu spreizen oder zu komprimieren, damit Ihr auch in der sogenannten Freien Atonalität spielen könnt. Es ergibt sich auf diese Weise eine überaus große Zahl von Möglichkeiten zur Programmierung von Geräuschen und Klängen. Ihr seht also, dass eine Menge Technik in so einen Apparat gebaut wird. Noch vor 20 - 30 Jahren hätte ein solches Gerät die Größe eines Schrankes gehabt. Doch ist es den Technikern heute gelungen, diese Apparatur, dank der neuesten Entwicklung in der monolithischen Halbleiter-Technik, auf die Größe einer Aktentasche zu reduzieren, was natürlich auch die Betriebssicherheit und den leichten Transport verbessert. Diese Art von SYNTHESIZER, die wahrscheinlich auch für Euch in Frage kommt, kostet ca. DM 4.000 - 7.000. Es gibt aber auch verschiedene, superlativ ausgestattete SYNTHESIZER, die jedoch in der Preislage zwischen DM 50.000 und 100.000 liegen.

Der "wirkliche" SYNTHESIZER ist kein leicht zu bedienendes Gerät. Er verlangt eine ausführliche Beschäftigung mit der Materie. Dann ist der "SYNTHI-OPERATOR" oder Komponist in der Lage, seine Klangvorstellung authentisch mit dem SYNTHI zu realisieren. Die elektronische Musik lässt den Einstieg zu Klangerscheinungen zu, die in der herkömmlichen Musik nicht bekannt sind. Es werden neue, kreative Gestaltungsideen gefordert. Diese umfassende Möglichkeit bietet die heutige Technik dem Komponisten der elektronischen Musik, der nicht mit Klängen komponiert, sondern Klänge komponiert.

In unzähligen Werbespots, Hörspielen, Spielfilmen und Fernseh-Produktionen ist der SYNTHI nicht mehr wegzudenken, d.h. dass in nächster Zukunft der Beruf "SYNTHI-OPERATOR" (wie z.B. Harald Thumann in seinem Münchner Elektronik-Studio oder Dirk Matten in Bonn) in der Musikbranche auftauchen wird.

Natürlich kann ein so kurzer Bericht den SYNTHESIZER nicht vollständig erklären, ich hoffe aber trotzdem, brauchbare Informationen und Ratschläge gegeben zu haben.

Ludwig Rehberg, 7251 Heimerdingen, Finkenstr. 4

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