Hannes Vester 11/73

Die Popavantgarde in Sachen elektronische Klangproduktion


Seit geraumer Zeit ist in der deutschen Popmusik ein Trend zu beobachten, der sich vor einem halben Jahr erstmals unter dem Etikett "Kosmische Kuriere" institutionalisierte. Welchen Stellenwert hat die Elektronik für die neuerdings in die Mutterländer der Popmusik exportierten deutschen Produktionen?
Der technische Apparat der Klang- und Musikerzeugung hat sich durch die Integration der Elektronik ungeheuer erweitert. Mit den Erfahrungen, die man sammelt, wenn man in die elementaren Funktionen des endlosen Spektrums der Klangerzeugung einsteigt, wächst das Verständnis für etwas, was man zunächst für einen grandiosen Widerspruch hielt.
Der "kühle, berechnete und synthetische" elektronische Apparat sprengt die Regeln und Gesetze der Harmonielehre, wie sie sich seit der Antike in den Ton- und Akkordbeziehungen musiktheoretisch überliefert haben.
Das ist das Seltsame an der elektronischen Klangproduktion. Gerade mit Hilfe des unpersönlichen technischen Apparates mit Hilfe hochkomplizierter technischer Schaltungen, mit Hilfe der total durchsynthetisierten Klangmaschine gelingt es, in Dimensionen der Empfindungen vorzudringen, die auf das zurückführen, was das Leben an sich zu dem macht, was es ist: Natur.
Es wäre müßig, Spekulationen darüber anzustellen, warum das so ist. Es mag die Befreiung von den musikalischen Regeln sein, die der Mensch aufstellte und über Jahrhunderte dazu benutzte, ein musikalisches Ergebnis als harmonisch oder disharmonisch zu qualifizieren. Ja, die Begriffe Musik und Harmonie waren sogar identisch. Es mag die plötzlich vergrößerte Perspektive für neue Ausdrucksmöglichkeiten sein, der in das Unendliche verschobene Horizont. Es mag der Wunsch nach Überwindung ausgebrannter Rockmusik sein, der "Trieb" zu Synthese und Alternation, die avantgardistische Energie, welche neue Erfahrungen popularisieren will und weiterdrängt. Kategorien wie Entwicklung, Dynamik, Prozess, Bewegung und Ruhe werden aktuell. Kategorien, die das Wesen des Menschen bestimmen, das Wesen der Natur. Grundsätzliche Wesensmerkmale werden einbezogen. Scheinbare Widersprüche verlangen ein Umdenken, eine Veränderung der Hörgewohnheiten, Ruhe zu vermitteln muss nicht heißen, leise und zart zu spielen. Ruhe heißt nicht, optimale Annäherung an die totale Stille - die kann schon wieder ungeheuer nerven. Bewegung muss nicht zwangsläufig ausgeprägt rhythmisch sein, sie kann fließen, strömen, schwingen, schweben.
Die Beweggründe zwischen elektronischen Klängen und stabilen Rockelementen nach einer Synthese zu suchen oder auch rein elektronische Produkte zu popularisieren, ist ebenso vielschichtig, wie die Möglichkeiten der Elektronik selbst. So definierten wir alle unsere Zuneigung nach den Assoziationen, die das experimentelle Zwiegespräch mit der Elektronik vermittelt: Kosmische Musik, Natur-Realismus, Befreiung von Technik mit Hilfe der Technik, philosophische oder religiöse Motivationen etc.

Aktualitätsmomente der Elektronik

Die Elektronik in der populären Musik wurde nicht erst aktuell mit den Publikumserfolgen von Tangerine Dream oder den gesellschaftlichen Erfolgen von Karlheinz Stockhausen. Es begann mit der Elektrifizierung der Gitarre, eigentlich schon mit der Erfindung des Mikrophons als Verstärkungsorgan. Die Elektronik hatte zu Beginn nur die Funktion, mechanisch erzeugte Musik zu verstärken und bekam dadurch, ohne es eigentlich zu wollen, gleich das Mäntelchen der Verfremdung umgehängt. Aber die Musik selbst war noch immer brav harmonisch. Kritisch bewertete das Publikum Harmoniewert und Takt eines dargebotenen Stückes. Man wollte in der Kunst, ja selbst in der Volkskunst jene Harmonie finden, die man im hektischen Alltag so vermisst.
Laut waren sie, die Beatles, aber sauber haben sie gespielt. Die dreckigen Rolling Stones dagegen ein musikalischer Chaos, falsche Töne und so ordinär. Für einen musikalischen "Gebildeten" einfach unerträglich.
Und die andere Tendenz: Die Beatles machten Hits, Ohrwürmer die spontan ankamen, aber ebenso spontan wieder out waren. Auch die Stones machten Hits, aber man musste sich erst an die provozierenden Klänge gewöhnen. Um so nachhaltiger fixierten die Stones auch ihren Stil in den Köpfen des Publikums. Ein wesentlicher Grund, warum die Stones von damals noch heute so aktuell sind. Aber dann kam in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre ein Wüstling aus den Staaten, ein Tier, das die Elektrogitarre zum leibhaftigen Organ transformierte, ein exotischer Guru, der sämtliche Klischees vom reinen Blues ignorierte.
Schon bei Jimi Hendrix eine verblüffende Entwicklung. Hendrix ging aus von der ehrlichsten, elementarsten und überzeugtesten populären Musikrichtung: Dem Blues. Er schichtet den Blues um mit Hilfe elektronischer Zusatzgeräte, ohne ihn zu sterilisieren. Seine "Experience" war tatsächlich ein permanentes Experiment, ein Erfahrungsprozess.
Der Blues und die gesamte Pop-Musik konnte nun nicht mehr an der Elektronik vorbei. Und so bediente man sich der technischen Effectoren: Pink Floyd, Nice, Spooky Tooth und Pierre Henry (dieser schon in der reinsten Form und sehr viel früher).
In diesem Stadium war die Elektronik fast durchweg reines Mittel. Elektronik wurde "eingesetzt", sie formulierte sich nicht selber, sondern funktionierte in einem Rahmen höherer Ordnung und höherer Gesetzmäßigkeit.
Parallel zur fortschreitenden technischen Entwicklung kristallisierte sich immer stärker die Eigenkraft elektronisch erzeugter Sequenzen heraus. Die Elektronik bekam Charakter, Stil, Unverwechselbarkeit - sie entwickelte sich vom Verfremdungsmedium zum eigenständigen Subject innerhalb des musikalischen Instrumentenarsenals. Das war Revolution! Der elektronische Apparat musste nicht mehr nur die Information modifizieren, die ihm Orgel oder Gitarre diktierten.
Man erkannte, dass Elektronik eine eigene Stimme besitzt; War das eine Selbstbefreiung - über jegliche Tabus der Musikreaktionäre hinweg fegte sie. Alles war erlaubt. Und alles, was aus den Dingern herauszuholen war, wurde auch herausgeholt. Ohne System, willkürlich und exzessiv. Die totale Musik war eigentlich keine Musik mehr; sie führte sich selbst ad absurdum. Denn Musik heißt nicht nur Klang, Ton, Geräusch, sondern auch und vor allen Dingen Gesetz, Ordnung, System. So vorurteilsbeladen diese Begriffe auch sein mögen, eine Ausdrucksform ohne Überbau ist jedoch sinnlos. Diese Sinnlosigkeit hat uns John Cage krass demonstriert; er erklärte ausdrücklich, dass seine Geräuschkompositionen sinnlos seien. Zwar steckt gerade darin wieder System - wie es auch sei - gewollt oder ungewollt überzeugt uns Cage von der Notwendigkeit der Erforschung von Gesetzmäßigkeiten und der bisher weitgehend ungeordneten elektronischen Klangwelt.
An diesem Punkt stehen wir heute. Der elektronische Apparat will beherrscht sein. Um mit ihm wirksam und eindrucksvoll zu operieren, muss er Gesetzmäßigkeiten unterworfen werden. Vor dieser Schwierigkeit stehen heute sämtliche "Frequenz-Pioniere". Dieses Problem kann auch kein einzelner lösen, des erfordert einen Prozess. Ein paar Dinge können jedoch bereits jetzt gesagt werden: Der kräftigste Dünger für Klischees sind Dogmen. Die Einstellung des nichts-anderes-neben-sich-gelten-lassens blockiert sämtliche Kanäle und Verzweigungen in der Entwicklung. Wenn vermieden werden soll, dass Gesetzmäßigkeit zum Zwang führt, muss schöpferische Individualität geduldet, ja sogar forciert werden.
Die Materie Elektronik trägt keine Ideologie in sich, sie wird erst damit belegt. Klänge sind nichts anderes als Klänge, sie wirken jedoch assoziativ, weil Musiker und Zuhörer bestimmte Stimmungen, Gefühle und Situationen assoziieren. In diesem Sinne ist Musik ein Phantasieträger, ein Katalysator für Vorstellungen.
Und es muss an der Basis weitergearbeitet werden. Wir brauchen eine neue Form des Hörens dieser Musik. Wir brauchen "Hörsäle", die uns nicht durch "light-flashs" und ähnlichen Zeugs überreizen. Wie wäre es mal mit einem großen Raum, indirekte Beleuchtung und dunkelblaue Wände und Decken. Der Boden - eine einzige Liegewiese, auf der man sich voll auf die quadrophonische Abstrahlung konzentrieren kann. Musik ist nicht mehr wie ein Bild, vor dem man steht, sondern wie ein Bild, in das man selbst einsteigt.

Hannes Vester, 1 Berlin 19, Nehringstr. 2, Tel.: 030/30...

Kommentare: 0

Kommentar schreiben