Dieter Dierks 6/72

6/72: Studio Report Dierks Stommeln


Im Regieraum befindet sich ein 40-kanäliges Mischpult. Der Techniker des Studios sagte mir, dass die ganzen technischen Einrichtungen so geplant wurden, dass man immer mehr dazubauen und erweitern kann.

In diesem Mischpult befinden sich etwa 2000 Bedienungselemente, die direkt zugänglich und bedienbar sind. Das Ganze kann über eine 8-Spur oder eine 16- Spur-Anlage gefahren werden. Die 16-Spur ist seit dem 1.10.72 in Betrieb.

Jetzt das Normale: Pro Aufnahmekanal ein Lichtanzeiger zum Aussteuern, VU-Meter genannt. Jeder Kanal enthält - speziell für Rock und Pop selbst entwickelt - Entzerrmöglichkeiten, Kompressorbegrenzer und Expander, die Störgeräusche automatisch entfernen; 40 bildbare Summen. Beim Abmischen kann man den einzelnen Instrumenten und Signalen bestimmte räumliche Stellung (Stereo und Quadrofonisch) und die Lautstärkeverhältnisse geben. Zusätzlich kann jedes Signal noch über Effektgeräte (Hall, Echo, Rotosound, Synthesizer, Phaser, Wah Wah, Leslie, Verzerrer etc.) erzeugt werden.

Dann stehen dort 4 Tonbandmaschinen 19/38 mit verschiedenen Wirkungskreisen, z.B. Tricks beim Schneiden, Playback etc., dazu 4 Boxen für Studioton in quadrofonischer Anordnung und kleine Boxen in quadrofonischer Anordnung für den Heim-HiFi-Ton.

Nun zu den einzelnen Räumen. Im kleinen Studio (Gelb), hat man folgende Sachen untergebracht, die benutzt werden können: 2 Synthesizer, 1 Medimoog (?) und 1 EMS mit Keyboard dkl., 1 Mellotron, 1 Hammond L 100 mit Leslie, 1 Woodwind von Gibson, 1 Nagelklavier.

Kabine 1 (Blau): Hier ist gerade Platz für eine Person. In der Kabine ist ein Klavier (Marke Renner) untergebracht, meist aber stehen hier die Bassmänner.

Kabine 2 (Rot); genannt "Badezimmer", da vollständig ausgekachelt. Versehen mit Vorhängen für Soundeffekte. Hier ist mehr Platz, gut geeignet für Sologitarre und für Chöre.

Kabine 3 (Grün): Drei bis vier Leute stehen hier bequem rum. Gut für akustische Gitarre.

Großes Studio (Orange): Größe ca. 100 qm, bestückt mit 1 Overlord Effektorgel, Schlagzeugpodest für Livesound. Mehrere Schlagzeuge: Fibes, Hayman, Premier, dazu mehrere Perkussionsinstrumente wie Congas, Tablas, Vibraphone u.a.

Zur allgemeinen Ausstattung technischer Art kommt noch: Jede Kabine, sowie das große und das kleine Studio haben Kopfhöreranschlüsse mit eingebauten Endstufen, die einzeln vom Regieraum kontrollierbar sind. Im Studio können bis zu 60 Mikrofone angeschlossen werden. In jedem Raum ist ein Monitor eingebaut, so kann man während der Aufnahmen mit jedem Kontakt haben. Derzeit wird an einer Videoanlage gebaut, so dass die Gruppe im Studio gefilmt werden kann. Ergo: Man fühlt sich wie zu Hause.

Das Studio liegt in Stommeln (Branchenjargon: St. Ommeln), einem Vorort von Köln. Der Besitzer, Dieter Dierks, 26, ist Nichtraucher, dafür gibts aber um so mehr Rebläuse (ein herrliches Gesöff). Seine Mutter, die auch im Studio rumschwirrt, ist eine Wucht. Hier gibt es auch spät abends was zu essen, zu trinken etc. Ein Hotel hat man angelegt, in dem die produzierenden Gruppen billig unterkommen können.

Dieter Dierks denkt sich ständig Neues aus, so ändert sich im Studio eigentlich täglich etwas. Geplant ist ein 24-stündiger Service.

Im Dierks-Studio nahmen bisher u.a. Nektar, Message, Popol Vuh, Hölderlin, Birth Control, Embryo, Passport, Ash Ra Tempel, Wallenstein, Rufus Zuphall, Witthüser & Westrupp, Pell Mell und Epsilon auf. Kosten tut das 16-Spur-Studio pro Stunde 150 DM, das 8-Spur 130 DM. Abmischen gibt's für 110 DM. Wer sich das Studio mal ansehen will, möge sich zuvor unter der Nummer 02238/33.. anmelden.

Jörg Schütte
Kommentare

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Wilfried Krämer

Mein Bruder Jürgen war einige Jahre bei Conny Plank sowie bei Dieter Dierks in Stommeln, wo er die ersten Rockpalast-Nächte tontechnisch gemacht hatte. Jürgen hatte bei Toni Bucklitsch in Köln als Techniker angefangen, dann hat Hans-Jürgen Fritz von Triumvirat meinen Bruder zur EMI gebracht, um ein technisches Problem zu lösen. Das hat er dann auch beseitigt, und so kam er immer mehr in diesen Bereich rein. Bei dem ersten Stones-Konzert traten extreme Probleme auf, denn die Anlage funktionierte nicht. Der Tour-Manager rief dann bei Toni Bucklitsch an und Jürgen Krämer, mit Lötkolben und Messgerät bewaffnet, fuhr rüber und löste das Problem. Die Anlage lief dann und hielt durch. Er ist dann immer mehr in die Studioarbeit gekommen und hat auch technische Lösungen erdacht und verwirklicht. Er hat mit Barth-Electronik Hamburg einiges revolutionäres entwickelt, was heute jedes Tonstudio hat... usw.

Ich war einige Male bei Dierks mit dabei. Bei der Feier anlässlich der Goldenen LP (oder sowas) von Rory Gallagher für seine LP in den USA, ebenso bei anderen Festen. Teilnehmer waren Fritz Rau, Wallenstein und andere, sowie immer ein Obdachloser, der einfach von der Straße eingeladen wurde und mitfeierte (war wohl Tradition). Ich habe bei derartigen Veranstaltungen Fotos gemacht, die dann von Dierks weitergereicht wurden (PoP-Foto).

Bei Conny Plank hatte ich durch eine Entwicklung und Konstruktion für Conny das Glück, mit integriert zu sein. Zur damaligen Zeit gab es noch keine elektronischen Mittel, um Einstellungen bei der Tonaufnahme zu speichern und dann später abzurufen. Es gab Papiermasken, die über das Mischpult gelegt wurden, um dann die Reglereinstellungen mit einem Stift zu markieren. Conny meinte, es muss doch da ne andere Möglichkeit geben. Die haben wir entwickelt, auf Basis einer Polaroid MP4 Vielzweckkamera. Damit konnte man dann Sofortbildfilme aufnehmen und sofort entwickeln. Durch eine Veränderung der Negativbühne wurde dann Aufnahmeebene und Projektionsebene gleichgesetzt und aus einer Reprokamera ein Repro-Vergrößerungsgerät gebaut. Mit einer extremen Lüftung und Hitzeschutzgläsern sowie einem SCHNEIDER SUPER ANGULON ausgestattet, wurde es von Norbert Rohrmoser und mir konstruiert und gebaut. Conny bekam dann noch ein zweites Gerät, das wollte er in dem Studio auch einbauen; ich denke, er wollte neben dem alten ein neues bauen, Platz war ja da.

kamera
Fotos: Wilfried Krämer

Die Montage geschah zu der Zeit, wo Bob Geldof im Studio verweilte und wir nur in den wenigen Pausen an dem Gerät arbeiten konnten. Der hatte sich sehr für die Konstruktion interessiert und wir haben uns mit ihm über diese ausgetauscht. Er war sehr von der Konstruktion begeistert. Brian Eno, der auch einmal in der Zeit anwesend war, hatte auch von seinem Respekt für die technische Neuerung im Fachmagazin Rolling Stone in einem Interview erzählt.

In der Zeit waren viele Musiker bei Conny. Helmut Hattler von Kraan sowie andere wurden da von mir dann fotografiert. Bono von U2 war auch mal bei Conny Plank, was dabei rausgekommen ist: Conny hat nicht mit ihm zusammengearbeitet. Jürgen wohnte da auf dem Brückerhof mit vielen Zimmern, wo dann auch einige Leute mal übernachtet haben, wenn sie vom Studio aus noch eine Kneipe besucht hatten. So gab es viele nette Momente mit Annie Lennox, Wolfgang Ambros, Nossi von Birth Control usw.

Hellmut Hattler
Hellmut Hattler

Bei 2 Rockpalast-Sendungen war ich im Vorfeld mit dabei und habe Kabel während der Proben gecheckt, bin mit Walky Talky auf der Bühne zwischen The Who rumgekrabbelt ... Rory Gallagher musste einmal (Karneval) dringendst die Arbeit im Studio unterbrechen und flog kurz nach Dublin. Gerry McAvoy haben wir dann den Kölner Karneval gezeigt. Er hatte von meinen Eltern einen Strohhut, rote Nase und etwas Schminke, alte Klamotten, und keiner hat ihn in der Linie 16 und beim Straßenkarneval erkannt. Das war für ihn das Größte.

Für die EMI war ich anlässlich einer Veranstaltung für Roxette mit Fotografieren beschäftigt. Das hatte nix mit Dierks oder Plank zu tun.

Jürgen hat nach einem Gehörsturz in der Entwicklung von Audiolabor Heilbronn gearbeitet. Danach ist er auf nach Italien und hat bei RAI 1 als Tontechniker gearbeitet, danach ist er bei Lucky Music in Luzern bei Luckas Wickert einige Jahre tätig gewesen. Irgendwann hatte er Heimweh nach Köln und hat dann für die PAVEIER im PAVEMENT-Studio in Bergisch Gladbach bis zu seinem Tod 2004 gearbeitet. Er liebte die technische Herausforderung und hatte das absolute Gehör.


studiodierks
Studio Dieter Dierks, Stommeln. Fotos: Wilfried Krämer

Jürgen Kraemer
Jürgen Krämer bei der Arbeit im Recordingmobile. Jürgen Krämer war ein deutscher Tontechniker, geboren am 7. August 1949 in Wilhelmshaven; gestorben 2004. Er arbeitete in Conny Planks und Dieter Dierks Studios.

Dierks Studio


Rockpalast
Die Rockpalast-Macher, unverkennbar unten in der Mitte Jürgen Krämer.

Ich kann nicht mehr genau sagen, wieviele Rockpaläste Jürgen gemacht hatte, aber er war vom ersten bis garantiert The Who mit dabei.

Auflistung:

1. Rockpalast Nacht 23.-24.7.1977
1. Rockpalast Night - English
RORY GALLAGHER
LITTLE FEAT
ROGER MCGUINNS THUNDERBYRD

2. Rockpalast Nacht 4.-5.3.1978
2. Rockpalast Night - English
MICHAEL CHAPMAN
MOTHER'S FINEST
DICKEY BETTS AND GREAT SOUTHERN
SPIRIT

3. Rockpalast Nacht 15.-16.9.1978
3. Rockpalast Night - English
PAUL BUTTERFIELD BAND
PETER GABRIEL
ALVIN LEE'S TEN YEARS LATER

4. Rockpalast Nacht 21.-22.4.1979
4. Rockpalast Night - English
J.GEILS BAND
PATTI SMITH GROUP
JOHNNY WINTER

8. Rockpalast Nacht 28.-29.3.1981
8. Rockpalast Night - English
THE WHO
THE GRATEFUL DEAD

Wilfried Krämer

11.8.2018