Conny Plank Report 4/72

4/72: Conny Plank Report


Conny Plank 72

Conny Plank ist einer der begehrtesten und wohl auch besten Tontechniker und Produzenten der Bundesrepublik. Er machte die Sounds von Guru Guru, Kraftwerk, Cluster, Neu, Sweet Smoke, AR & Machines, Duke Ellington und anderen. An dieser Stelle wird er in Zukunft Kommentare zur allgemeinen Lage loslassen.

Liebe Jungs,

Ihr wisst, wir leben in einer Zeit, in der jeder, der mit organisiertem Lärm (Musik) vor die Leute tritt, auch seine eigene LP produzieren will.

Grundsätzlich habe ich überhaupt nichts dagegen, weil es auch mein Zeitvertreib ist, solchen Unternehmungen Geburtshilfe zu leisten. Das Argument, dass Gruppen, die eine LP haben, sich besser ins Geschäft bringen, finde ich schon vernünftig. Nur habe ich in den letzten zwei Jahren intensiver Hebammentätigkeit festgestellt, dass sich viele Gruppen und Musiker damit mehr schaden als nützen, und dass ihr Produkt mit etwas Überlegung hätte verbessert werden können. Dazu einige Tips:

1. Bevor Ihr an eine Produktion denkt, solltet Ihr Euch zunächst über Eure menschliche Situation untereinander im Klaren sein. Wenn Ihr Euch gegenseitig nicht leiden könnt, könnt Ihr auch keine gute Musik zusammen machen.

2. sollte das Programm für die Platte hundertprozentig stehen und eventuell schon live erprobt sein. Voraussetzung dafür ist, dass Ihr im Übungsraum für eine ausgewogene Balance der Instrumente untereinander sorgt. Nur so ist nämlich ein differenziertes und sensibles Zusammenspiel möglich (Ich war schon bei Gruppen, deren Probe regelmäßig in einen Machtkampf mit der Lautstärke ausartete).
Außerdem könnt Ihr unter diesen Voraussetzungen mit einem einfachen Kassettenrecorder und einem Mikrofon, das gehörmäßig an einem guten, zentralen Punkt aufgestellt ist, gut mitschneiden, um Euch selber oder eine Plattenfirma vom Stand Eurer Musik zu unterrichten. Ihr erspart Euch damit auch Kosten für teure Demo-Aufnahmen.

3. Vorsicht mit antörnen beim Spielen! Es setzt die Selbstkritik herab und bringt nur dann was, wenn Ihr genau wisst, dass Ihr Euren Kram im Schlaf drauf habt.

4. Zu einer Schallplatte kann man auf mehreren Wegen kommen. Wenn Ihr die Kohle habt und Euch genug Kritikfähigkeit zutraut, könnt Ihr das Band selbst produzieren (Beispiel: Can, die mit einem selbstgebauten Mischpult und Revox-Maschinen einen ganz geilen Sound zusammenbekommen haben; oder Ton Steine Scherben, die von der Produktion bis zum Verkauf alles selbst machen.) Im Kasten findet Ihr eine Übersicht über die Möglichkeiten.

Kasten

5. Geht nur mit einem voll funktionsfähigen Gear ins Studio. Am besten wählt Ihr ein 8- oder 16-Spur-Studio, je nach musikalischen Plänen. Reißt Euch einen Typen auf, der sich in Eure Soundvorstellungen hineindenken kann und technisch was drauf hat, d.h. mit einem Studioequipment umgehen kann. Alle anderen Jungs könnt Ihr vergessen, weil sie nur abkassieren, ohne Euch wirklich zu nützen. Die meisten Studios sind bereit, einen Toning. Eurer Vorstellung arbeiten zu lassen, wenn nicht schon einer da ist (lasst Euch andere Produktionen vorspielen. Lasst Euch nichts vormachen, es gibt genug hervorragende ausländische Produktionen, die Vergleichsmöglichkeiten für technischen Standard zulassen - und in jedem Studio ist ein Plattenspieler).
Wenn Ihr vernünftige Arbeit abliefert, habt Ihr ein Recht darauf, es von den Jungs hinter der Glasscheibe auch zu verlangen. Wenn es nicht klappt, brecht sofort ab, sonst wird es teuer und Ihr habt nichts davon.

6. Wenn Ihr das Band bei einer Plattenfirma verdealt, lest genau durch, was ihr unterschreibt (Ver- tragsdauer, Optionen, Lizenzhöhe usw.).
Lasst Euch Promotion-Aktionen nicht nur mündlich versprechen, sondern in den Vertrag hineinschreiben. Kontrolliert auch die Taschengestaltung selbst, sonst wird man Euch in irgendeiner poppig-idiotischen Hülle verbraten.

So, das reicht erst mal. Fragen von öffentlichem Interesse werde ich Euch gern weiterhin auf diesem Wege beantworten. Gut Holz wünscht Euch Euer

Conny Plank

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